Aktuelles.

Das neue Maßnahmenpaket richtet sich gezielt an relevante Systempartner sowie Jugendliche mit auffälligem Verhalten

Gesellschaftlicher Zusammenhalt statt Parallelwelten Neues Maßnahmenpaket gegen Radikalisierung und Extremismus

 

 

„Wenn junge Menschen den Anschluss an die Gesellschaft verlieren, entstehen gefährliche Dynamiken. Daher setzen wir gezielt dort an, wo Radikalisierung ihren Anfang nimmt: im sozialen Umfeld und durch Angebote auf Augenhöhe. Wir brauchen klare Regeln, Pflichten und Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen – aber auch Chancen und Perspektiven. Das neue Maßnahmenpaket verbindet beides.“

-Integrations- und Jugendlandesrat Dr. Christian Dörfel

 

„Für das Rote Kreuz OÖ ist es basierend auf unseren Grundsätzen von großer Bedeutung, das Zusammenleben aller Menschen in OÖ mit unserem Angebot zu fördern. Daher ist es uns wichtig, im Bereich der Jugendarbeit auch hier tätig zu sein.“

 

-Landesgeschäftsleiter-Stv. Rotes Kreuz, Mag. Thomas Märzinger

 

Maßnahmenpaket gegen Radikalisierung: Land OÖ startet neue Projekte mit dem Roten Kreuz

 

Die Jugendkriminalität im urbanen Raum stellt eine wachsende gesellschaftliche Herausforderung dar – insbesondere dort, wo sich junge Menschen zunehmend von gesellschaftlichen Normen und dem Rechtsstaat abwenden. Als Ableitung zu den im Frühjahr präsentierten Forschungsbericht „Jugendliche Straftäter mit vielen Polizeikontakten“ – erstellt von Univ.-Prof. Dr. Helmut Hirtenlehner und Univ.-Prof. Dr. Alois Birklbauer – hat das Integrationsressort des Landes Oberösterreich die Entwicklung eines gezielten Maßnahmenpakets beauftragt.

 

Umgesetzt wird dieses Paket in Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz. Mit Start im September 2025 gehen nun die ersten Projekte an den Start. Ziel ist es, Jugendliche mit auffälligem Verhalten frühzeitig zu erreichen und nachhaltige Deradikalisierungsarbeit zu leisten – im präventiven wie auch im begleitenden Bereich.

 

Ein zentraler Bestandteil des neuen Programms ist der ganzheitliche Ansatz: Neben gezielten Deradikalisierungs-Workshops werden ein interkulturelles „Train-the-Trainer“-Programm sowie das neue „OÖ Werte-Coaching“ etabliert. Ergänzend dazu wird eine historische Auseinandersetzung mit der Geschichte Oberösterreichs und insbesondere dem KZ Mauthausen als Teil des Projekts verankert. Diese Kombination soll nicht nur präventiv wirken, sondern auch das Wertefundament der Jugendlichen stärken.

 

Zentrales Anliegen des Landes ist es, die Jugendlichen nicht mit erhobenem Zeigefinger zu belehren, sondern in ihrer Lebensrealität abzuholen. Vertrauen aufbauen, Respekt einfordern, aber auch Zugehörigkeit ermöglichen – das ist die Grundphilosophie hinter den neuen Projekten, mit denen Oberösterreich einen weiteren wichtigen Schritt in der Integrations- und Jugendpolitik setzt.

 

In Kürze:

·       Weniger als 5% der männlichen Jugendlichen sind für die Hälfte aller Straftaten und drei Viertel der schweren Delikte ihrer Altersgruppe verantwortlich.

·       Mehrfachtäterschaft ist stärker in urbanen Ballungsräumen verbreitet. Die Umgebung spielt eine Schlüsselrolle, da städtische Gebiete häufiger soziale Probleme und Kriminalität aufweisen.

·       Jugendliche Mehrfachtäter bewegen sich oft in kriminellen Freundeskreisen, die Straftaten fördern. Hier dominieren Gruppenwerte wie Respekt, Ehre und Status, die oft durch Gewalt erlangt werden.

·       Besonders junge Männer mit migrantischem Hintergrund sind in der Statistik auffällig.

·       Durch Social Media entsteht ein hohes Mobilisierungspotenzial, das Jugendliche schnell zu gemeinschaftlichen Handlungen animieren kann, wie beispielsweise die Halloween-Krawalle in Linz im Jahr 2022 zeigten.

 

Maßnahmenpaket als Antwort auf Extremismus und Radikalisierung: Land OÖ startet neue Projekte mit dem Roten Kreuz

 

Das vom Roten Kreuz konzipierte Paket richtet sich an Jugendliche, die bereits in der Vergangenheit mit problematischem Verhalten aufgefallen sind bzw. an Systempartner, die mit diesen Jugendlichen arbeiten. Dabei steht das Land Oberösterreich in engem Austausch mit relevanten Partnern wie den Jugendkontaktbeamten der Polizei, dem Verein Neustart sowie dem Roten Kreuz.

 

  1. OÖ Werte-Coaching – Bewegung, Begegnung, Betreuung

Den Schwerpunkt des Projekts bildet die offene Arbeit an diversen Treffpunkten. Es sollen in Linz bzw. Umgebung offene und kostenlose Trainingseinheiten stattfinden. Die genauen Orte werden nach einer grundlegenden Bedarfsanalyse in Abstimmung mit der Polizei und anderen „relevanten“ Playern (Streetworkern…) festgelegt. Die genaue Zielgruppe soll dann im Anschluss definiert werden (spezifischen Migrantengruppen und die dazugehörigen relevanten Problemfelder z. B. geringe Perspektiven, Diskriminierungserfahrungen, Isolation). Die Inhalte des Trainings wechseln regelmäßig, orientieren sich aber an den Grundzielen des „Hood Trainings“: die Verbesserung der körperlichen Fitness durch regelmäßige Trainingseinheiten. Durch zugeschnittene Angebote soll auf unterschiedliche Rahmenbedingungen und Bedürfnisse eingegangen und somit einen wertstiftenden Beitrag zur Persönlichkeitsbildung und Kompetenzvermittlung von Kindern und Jugendlichen beigetragen werden. Der Fokus der Angebote liegt auf der Entwicklung von Sozialkompetenzen. Folgender Ablauf ist für die Pilotphase und darüber hinaus angedacht:

 

Präsenz im Sozialraum – Vertrauensaufbau – Informationsveranstaltungen – Individuelle Motivationsgespräche: Kurzcheck der Erwartungen und der Vorerfahrungen. – Zusammenstellung der Gruppen – Sport und Beziehungsarbeit (Das Kernstück) – Regelmäßiges, strukturiertes Training – Beziehungsarbeit – Reflexionsmomente -Werte- und Demokratievermittlung – Umgang mit Konflikten – Biografiearbeit – Radikalisierungsprävention

 

  1. Deradikalisierungs- & Begegnungsworkshops

Auf Anforderung einer Gemeinde, einer Schule oder sonstigem Systempartner werden Gruppen, in denen Radikalisierungstendenzen bemerkbar sind, durch Workshops zu diesem Thema sensibilisiert und begleitet. Als Beispiele sind nachstehende Workshopinhalte angedacht:

Zum Thema “Kritisches Denken & Digitale Resilienz”

    • Medienkompetenz: Analyse von Fake News, Verschwörungserzählungen und Filterblasen
    • Radikalisierung online: Wie funktionieren Rekrutierung und Propaganda in sozialen Medien? Erkennen von Hassrede und extremistischen Narrativen
    • Meinungsbildung: Unterscheidung zwischen Fakten und Meinungen, Aufbau einer konstruktiven Debattenkultur

Zum Thema: “Vielfalt, Identität & Begegnung” Inhalte:

    • Identität: Reflexion der eigenen und fremden Identitäten, Zugehörigkeit und Abgrenzung
    • Vorurteile & Diskriminierung: Sensibilisierung für Mechanismen der Ausgrenzung und Feindbildkonstruktion (z.B. Antisemitismus, antimuslimischer Rassismus, Extremismus)
    • Konstruktive Konfliktlösung: Praktische Übungen zu Empathie und Perspektivenwechsel
    • Begegnungsformat (z.B. mit ehemals Betroffenen)

 

  1. Interkulturelles Train-the-Trainer-Programm

Dieses Train-the-Trainer-Programm wird für Systempartner aus den verschiedenen Communities angeboten. Es soll Teilnehmer/innen – gerade im Bereich Radikalisierung – sensibilisieren und sie zu Multiplikatoren in der Präventionsarbeit machen. Gewonnen werden sollen mögliche Teilnehmer/innen durch „Empfehlung“ und Werbung in diversen anderen Projekten im Migrationsbereich.

Folgende Inhalte sind angedacht:

    • Radikalisierungsprozesse: Theoretisches Hintergrundwissen zu Ursachen, Phasen und Triggern von Radikalisierung.
    • Frühwarnsignale: Sensibilisierung für Verhaltensänderungen bei Jugendlichen.
    • Gesprächsführung: Techniken für herausfordernde Gespräche (Deeskalation, Wertschätzung ohne Akzeptanz extremistischer Inhalte).
    • Präventionsketten: Vorstellung lokaler Beratungsstellen und Meldeketten (Vernetzung).

 

  1. Mauthausen Memorial – Lernen aus der Geschichte

Basierend auf einem Pilotprojekt sollen für die Zielgruppe Workshops zur Thematik abgehalten werden, um den Teilnehmer/innen die Geschichte Österreichs und Oberösterreichs in Zusammenhang mit dem Konzentrationslager Mauthausen näherzubringen. Zielgruppe für die Workshops sind Gruppen mit Migrationshintergrund nach Möglichkeit aus dem gleichen Kulturkreis. In einem Vorbereitungsworkshop sollen sie gezielt auf den Besuch beim Memorial vorbereitet werden. Dann der Besuch an der Gedenkstätte und dann noch ein Reflexionsworkshop.
Die Teilnehmer/innen sollen gezielt in Sprachkursen, in Unterkünften und auf Vermittlung von Systempartnern angesprochen werden.

 

 

Aufforderung für mehr Einbindung bei bundesweiten Maßnahmen gegen Jugenddelinquenz mit Antrag bei Landesjugendreferentenkonferenz

 

Die Bekämpfung von Jugendkriminalität war auch Thema der diesjährigen Landesjugendreferentenkonferenz, die im Juni unter dem Vorsitz von Jugendlandesrat Dr. Christian Dörfel in Linz stattfand. Die Konferenz anerkannte die von der Bundesregierung gesetzten und eingeleiteten Maßnahmen zur Eindämmung von Jugenddelinquenz wie die Adaptierung datenschutzrechtlicher Grundlagen zum Informationenaustausch, die Verankerung von sicherheitspolitischen Fallkonferenzen oder auch die Adaptierung der Verschwiegenheitspflicht im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe.

Zugleich wurde aber auch gefordert, dass die Länder stärker in die Ausarbeitung zukünftiger Maßnahmen eingebunden werden.

 

Laufende Weiterentwicklung und Anpassung von bestehenden Angeboten

Der Anstieg an angezeigten Straftaten sowie Ausschreitungen wie in der Halloween-Nacht des Jahres 2022 hat bereits in der Vergangenheit das Land Oberösterreich unter Einbeziehung von Expert/innen wie Polizei (Jugendkontaktbeamte), Sozialarbeiter/innen und NGOs dazu veranlasst, Maßnahmen zur Bekämpfung der Jugendkriminalität umzusetzen. Diese werden laufend evaluiert und gemäß den aktuellen Herausforderungen angepasst.

 

  1. Weiterentwicklung und Ausrollung der UMF-Workshops

Mit dem Verein NEUSTART werden für alle unbegleitete minderjährige Flüchtlinge – in Oberösterreich derzeit in etwa 90 verpflichtende Gewaltpräventions-Workshops und Wertekurse durchgeführt, um die Wertebasis des Zusammenlebens in Oberösterreich zu vermitteln und potenzielle Gewalttendenzen im Vorhinein zu erkennen. Die Kurse finden dabei direkt bei NEUSTART oder in Räumlichkeiten außerhalb der UMF-Einrichtung statt, in Hinblick auf Sprachkenntnisse werden möglichst homogene Gruppen ausgewählt. Pro Gruppe finden innerhalb von 14 Tagen drei Termine mit je 150 Minuten statt. Die bestehenden Workshops werden anhand aktueller Geschehnisse und empirischen Forschungen stetig weiterentwickelt.

 

  1. Digitales Streetwork & Messenger-Beratung

Die sozialen Medien sind häufig geprägt von Gruppen, die Werte wie Gewalt und Status verteidigen, ja sogar verherrlichen. Radikalisierung erfolgt zusehends im Netz via TikTok & Co. Daher sollen analoge Angebote schrittweise auch im digitalen Raum angeboten werden: In Zusammenarbeit mit dem OÖ Familienbund werden Jugendliche durch ausgebildete Sozialpädagog/innen im digitalen Raum begleitet.

 

  1. Verpflichtende Grundregelkurse für Asylwerber in OÖ: Orientierung ab Tag eins

Um ein friedliches Zusammenleben in Oberösterreich sicherzustellen, setzt das Land Oberösterreich gemeinsam mit dem Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) neue Maßstäbe: Seit Mai 2025 werden in Landesunterkünften verpflichtende Grundregelkurse für Asylwerber durchgeführt. Die Kurse vermitteln zentrale gesellschaftliche Normen – unabhängig von der Bleibeperspektive. Ziel ist es, Asylwerbenden vom ersten Tag an Orientierung im Alltag zu bieten, Konflikten vorzubeugen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Inhalte sind unter anderem:

  • Kultur und Umgangsformen
  • Rechte und Pflichten im Asylverfahren
  • Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Grundfreiheiten
  • Gleichstellung von Frauen und Männern
  • Antisemitismusprävention

Oberösterreich ist damit das erste Bundesland, das solche Kurse auch in Landesunterkünften etabliert – ein klarer Schritt für ein gemeinsames Wertefundament und gegen Parallelgesellschaften.

 

  1. Neuausrichtung der Steuerungsgruppe für ein gewaltfreies Miteinander

Im Jahr 2019 wurde erstmals eine Steuerungsgruppe für ein gewaltfreies Miteinander – bestehend aus Vertretern von Wissenschaft, Sozialarbeit sowie Justiz und Polizei – einberufen. Unter der Leitung von Integrations-Landesrat Dr. Christian Dörfel wurde diese reaktiviert, um die Vernetzung relevanter Systempartner zu stärken, das gesellschaftliche Zusammenleben zu fördern und Gewalt im Miteinander in jeglicher Form zu unterbinden. Seit Ende März 2025 beschäftigt sich die Steuerungsgruppe intensiv mit den Ergebnissen der Studie „Jugendliche Straftäter mit vielen Polizeikontakten“ um weiterführende Maßnahmen zu entwickeln und bestehende Maßnahmen stetig zu evaluieren.

 

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